Naturbeobachtungen – die neue Saison beginnt

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Anfang Januar, und die kalte, windige Luft umhüllt uns – ein typischer mecklenburgischer Winter, der die Landschaft in eine frostige Stille hüllt. Während die Natur noch in ihrer Winterstarre verharrt, sind es einige leidenschaftliche Naturliebhaber, die sich von der Kälte nicht abhalten lassen. Für uns beginnt das Wildlifejahr bereits in dieser frostigen Zeit.

Die majestätischen Seeadler, die größten einheimischen Greifvögel, sind nicht nur beeindruckend in ihrer Erscheinung, sondern auch in ihrem Verhalten. Diese Greifvögel bleiben ein Leben lang zusammen und beginnen schon früh im Jahr mit ihrer Paarung. Wenn das Glück auf unserer Seite ist, können wir dieses spektakuläre Schauspiel am klaren Himmel Mecklenburgs beobachten – ein wahrhaft magischer Moment, der die winterliche Kälte vergessen lässt.

..Vorbereitungen

Von Mitte Januar bis in den Februar hinein brechen wir in die Wälder auf, auf der Suche nach den Seeadlern. Ein Vorteil, den wir haben, ist unser Wissen um die Standorte. Diese Seeadlerhorste liegen wie kleine Geheimnisse in der Landschaft. Mit jedem Schritt sind wir gespannt, ob sich in den letzten Monaten im Revier etwas verändert hat. 

Zunächst gilt es jedoch herauszufinden, ob die Reviere wieder besetzt sind. Die Seeadler zeigen sich nur selten so früh im Jahr, was die Jagd nach Hinweisen umso aufregender macht. Wir müssen unsere Sinne schärfen und auf die Zeichen der Natur achten. 

Besondere Merkmale im Umfeld der Horste können uns verraten, ob das Revier in der neuen Saison angenommen wurde. Die Kotreste der Seeadler, die wir liebevoll „Schmelz“ oder „Kalk“ nennen, sind dabei ein wertvolles Indiz. Oft sitzen die beeindruckenden Vögel auf hohen Ansitzbäumen in der Nähe ihrer Horste. Wenn wir unter diesen Bäumen weiße Flecken entdecken, schlägt unser Herz schneller – es ist ein sicheres Zeichen für die Rückkehr der großen Greifvögel und das Versprechen eines neuen Abenteuers in der Natur.

Neben den „Waldläufen“, die uns durch die endlosen Weiten des Waldes treiben, verbringen wir auch Stunden in stiller, fast meditativer Beobachtung – stets von festen Punkten aus, die uns mehr offenbaren, als es der flüchtige Blick auf die vorbeiziehenden Bäume je könnte. Es ist erstaunlich, wie viel in der Ruhe und der Geduld verborgen liegt, in den Details, die einem nur im Stillstand begegnen. Manchmal, im tiefsten Winter, wenn der Ostwind schneidend über das Land zieht , schleicht sich die Frage ein: Was tust du hier eigentlich? Doch dann, genau in diesen Momenten, wenn der Wind aufhört, die Kälte sich setzt und die Stille den Wald umfängt, wird der Lohn der Mühe klar: eine unverhoffte Begegnung, ein flüchtigen Moment, die einem nur die Geduld schenkt. Im folgenden Video teile ich einige dieser Eindrücke, eingefangen an nur einem einzigen Tag https://youtu.be/yVvveFDe1cs?si=P-_NXAXrvAJen8hL Ein Blick in die Seele der Natur.

Bis zur Eiablage, die meist Mitte bis Ende März stattfindet, haben die Seeadler alle „Hände“ voll zu tun, ihre Horste vorzubereiten. Manche beginnen dabei von vorn, bauen ein völlig neues Nest, während andere die alten Strukturen wiederaufbauen und aufpeppen. Wer genau hinschaut, kann erkennen, welche Variante vorliegt – und das erfordert ein geschultes Auge. Denn Seeadler legen die Randbereiche ihres Horstes mit frischen Ästen aus. Ein Blick durch das Fernglas oder die Linse des Spektivs – oder sogar ein Drohnenflug – verrät es uns: Die frischen Äste zeigen sich durch ihre glatten, frisch gebrochenen Kanten oder das saftige Grün. Doch nicht jeder Ast schafft es bis zum Rand des Horstes. So manches Stück Baumaterial bleibt unter dem Nest zurück. Auch dieser „Abfall“ liefert uns wichtige Hinweise, um zu erkennen, ob der Horst gerade restauriert wird.

Drohnenflug über einem Seeadlerhorst

Wenn wir diese Hinweise jedoch nicht finden, müssen die Seeadler irgendwo geblieben sein. Sie sind im Grunde standorttreu, doch hin und wieder entscheiden sie sich, innerhalb ihres Reviers umzuziehen und einen neuen Horstbaum zu suchen. Glücklicherweise spielt uns die frühe Jahreszeit in die Karten. Die Bäume sind noch kahl, das Laub fehlt, und so haben wir eine viel bessere Chance, die neuen Horste zu entdecken. Doch das ist keine leichte Aufgabe: Die Ehrenamtlichen durchqueren dabei oft kilometerweit den Wald, durch dicke Äste und dichte Gebüsche. Doch manchmal, nach viel Geduld und Ausdauer, wird die Mühe belohnt – und ein neuer Horst wird entdeckt.

..gibt es nur in Mecklenburg

Nachdem alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, tritt in Mecklenburg-Vorpommern eine besondere Regelung in Kraft: die Horstschutzzonen. Im Umkreis von 100 Metern um den Horst herrscht das ganze Jahr über absolutes Verbot – hier darf sich nichts, aber auch gar nichts, befinden. Dieser Bereich ist ein Rückzugsort, ein heiliger Raum für die Seeadler. Aber es gibt noch mehr: Im weiteren Umkreis von 300 Metern dürfen zwischen dem 1. Januar und dem 31. Juli keine jagdlichen oder anderen störenden Aktivitäten wie Holzeinschlag oder Waldarbeiten durchgeführt werden.
Warum diese Schutzmaßnahmen? Ganz einfach: Seeadler sind unglaublich empfindlich gegenüber Störungen. Der Begriff „Adleraugen“ kommt schließlich nicht von irgendwoher – ihre Sehkraft ist außergewöhnlich. Sie erkennen Gefahr oft schon aus großer Entfernung und reagieren blitzschnell. Eine plötzliche Störung wird sofort mit einer Flucht quittiert. Diese Schutzvorkehrungen sind also nicht nur gesetzlich vorgeschrieben, sondern auch notwendig, um den majestätischen Vögeln den nötigen Raum für Ruhe und Fortpflanzung zu lassen.

..was kann passieren?

Wie bereits erwähnt, beginnt die Brutzeit der Seeadler schon im März. Für uns, die Seeadlerhorstbetreuer, bedeutet dieser Zeitpunkt das vorläufige Ende unserer intensiven Beobachtungen. Ab jetzt gilt es, den majestätischen Vögeln ihre Ruhe zu lassen – sie sollen ungestört brüten können. Schon die geringste Störung, bei der ein Seeadler vom Gelege flieht, kann fatale Folgen haben: Das Ei könnte auskühlen, der Horst von anderen Vögeln, vor allem von Raben, geplündert werden oder, im schlimmsten Fall, die Seeadler könnten die Brut einfach aufgeben.

Erst Anfang bis Mitte Mai dürfen wir wieder einen Blick auf die Horste werfen. Dann sind die Jungvögel alt genug, sodass eine kleine Störung keine dramatischen Folgen mehr hat. Doch auch diese Zeit birgt ihre eigenen Herausforderungen und Überraschungen – aber das ist eine ganz andere Geschichte.

2 Responses to “Naturbeobachtungen – die neue Saison beginnt”

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Einer von wenigen denen wir vertrauen können da draußen und du machst mir dem was du tust einer sehr hervorragende Arbeit da draußen. Danke Karsten

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    Vielen Dank, André! Schön, dass Du kommentiert hast. Ein Eintrag in meinem Gästebuch wäre super. Findest Du unten auf der Starseite der Homepage. Bleib gesund. Viele Grüße, Karsten

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